«Ich bin erstaunt, wie viel Freiwilligenarbeit im Sport steckt»

Trampolinspringen war Nicole Weidmanns Leidenschaft – bis ihr WM-Traum bei einem Unfall als 15-Jährige platzte. Neun Jahre später stand sie für ihren Heimverein und Swiss Volunteers an der Trampolin-Schweizermeisterschaft 2018 in Volketswil im Einsatz.

Es ist brütend heiss vor dem Kultur- und Sportzentrum in Volketswil, das Wetter lädt ein zum Baden, doch das kümmert hier niemanden. In der Halle geht es an diesem Wochenende Anfang Juni nur um eines: Wer fliegt höher? Wer hat die beste Körperhaltung, wer die perfekteste Technik? Wer zeigt die gewagtesten Sprünge? Vier Trampoline stehen in der Mitte der Halle, abwechselnd wärmen sich die Trampolinspringerinnen und -springer auf, dann zeigen sie ihr Können vor den vielen Kampfrichtern. Über 200 Turnerinnen und Turner haben sich qualifiziert, um sich an der Schweizermeisterschaft 2018 mit den Besten der Schweiz zu messen. Nicole Weidmann war lange Zeit eine der besten Nachwuchsspringerinnen, sie kennt dieses Gefühl: «Ich habe die Wettkämpfe geliebt», sagt sie. Sie sei süchtig gewesen nach diesem Gefühl des Fliegens, nach dem Streben nach Perfektion.

Nicole Weidmann erzählt dies in einer kurzen Pause. Schon den ganzen Tag steht sie in blauem T-Shirt an der Kasse im Bistro der Turnhalle. Sie hat sich als Volunteer gemeldet, um ihren ehemaligen Verein zu unterstützen. Zusammen mit über 40 anderen Volunteers und weiteren Freiwilligen aus dem Verein ermöglicht sie, dass dieser Wettkampf stattfinden kann (Zum Video-Interview). «Es ist selbstverständlich, dass ich dem Verein etwas zurückgebe», sagt die 24-Jährige aus Hinwil – sie sei ganz erstaunt, wie viel Freiwilligenarbeit im Vereinssport stecke: «Das habe ich als Kind und Jugendliche gar nicht wahrgenommen.» Und trotzdem ist es ihr nicht ganz wohl hier in der Halle. Die Erinnerung schmerze, sagt sie mit wehmütigem Lächeln.

Unfall im Training des Lebens

Nicole Weidmann kam als Siebenjährige über einen Ferienpass zum Trampolinspringen. Sie war talentiert und schaffte es mit zehn ins Kader. Als sie 15 Jahre alt war, waren ihre Ziele, an einer EM oder WM teilzunehmen, fast zum Greifen nahe. Im Regionalkader trainierte sie 24 Stunden pro Woche in Bubikon, sie besuchte das Sportgymnasium und trainierte im Schweizerischen Juniorenkader regelmässig in Magglingen. Bis zu jenem Tag, der eigentlich einer ihrer besten werden sollte: «Wir waren in der Wettkampfvorbereitung und ich zeigte meine Kür. Es war das beste Training meines Lebens.» Doch beim dritten Doppelsalto merkte sie in der Luft, dass sie nicht gerade gesprungen war und auf dem Trampolinrand landen würde. «Ich wusste nicht, was ich tun sollte.» Sie landete hart, aus drei Metern Höhe und mit vollem Schwung. Ihr Bein brach, ein offener Bruch. Es war das Ende ihrer Karriere und ihrer Ziele. Sie versuchte zwar nach drei Operationen, vier Monaten an Krücken und weiteren acht Monaten Aufbau wieder einzusteigen, doch da nahten bereits die Selektionen fürs Nationalkader und sie hatte zu viele Trainings verpasst. «Ich hätte mich extrem pushen müssen, das hätte die Unfallgefahr enorm erhöht.» Sie entschied sich deshalb aufzuhören, trat aus dem Verein aus und distanzierte sich von ihrem geliebten Sport. «Es ging nicht anders», sagt sie heute, «es tat zu fest weh.»

Die Verletzung habe ihr ganzes Leben verändert, sagt Weidmann, während sie sich wieder an die Kasse stellt, um die nächsten Kunden zu bedienen: «Plötzlich hatte ich so viel Zeit.» Keine Trainings mehr und statt Sportgymnasium den ganzen Tag Unterricht an der Kanti. «Es war hart.» Sie machte ihren Weg, machte das KV und die Berufsmatura. Heute tanzt sie Ballett, bald macht sie ihren Bachelor, sie hat schon einen Job als Steuerberaterin in der Tasche. Ein anspruchsvoller Job mit Karriereaussichten. «Die Disziplin und Menschenkenntnis, die ich im Sport erworben habe, bringen mir auch in Studium und Job sehr viel», sagt sie. Und wenn es der Job zulasse, werde sie auch in Zukunft wieder als Freiwillige im Einsatz stehen für ihre ehemalige Leidenschaft, das Trampolinspringen. Trotz des flauen Gefühls im Magen.


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