«Die Fusion brachte eine erfrischende Dynamik»

Laut einer Vereinsumfrage fällt es Sportvereinen immer schwerer, ihre Ehrenämter zu besetzen. Der Leichtathletik-Club Biel (LAC) und der Laufsportverein Biel (LSV) haben dieses Problem mit der Fusion zu Biel/Bienne Athletics gelöst. Wir sprachen mit den beiden ehemaligen Präsidenten und neuen Co-Präsidenten, Hansjörg Fahrni und Patrick Lüscher, über die Fusion und die Chancen, die sich damit eröffnen.


Athlet von Biel/Bienne Athletics im Einsatz (Fotos: zvg)

Hansjörg Fahrni, Sie waren Präsident des ehemaligen LAC Biel. Was brachte Sie dazu, eine Fusion in Erwägung zu ziehen?

Der LAC Biel bestand vorwiegend aus Kindern und Jugendlichen, und es gab immer weniger Eltern, die bereit waren, ein Amt zu übernehmen und den Verein mitzutragen. Wir waren schliesslich nicht mehr in der Lage, den Betrieb wie bisher fortzuführen, und suchten deshalb nach Lösungen. Daher rannte Patrick Lüscher bei uns offene Türen ein, als er sich vor rund zwei Jahren meldete, um mögliche Wege der Kooperation zu diskutieren.

War die Situation beim LSV Biel also ähnlich, Patrick Lüscher?

Wir hatten zwar eine etwas andere Mitgliederstruktur, nämlich mehr Ältere, Langeingesessene, aber trotzdem wurde es auch bei uns immer schwieriger, Leute zu motivieren, im Verein aktiv mitzuwirken. Eine Mitgliederbefragung zeigte dann, dass eine Kooperation mit einem anderen Verein durchaus erwünscht war.

Hatten Sie andere Wege geprüft, ehe Sie sich für die Fusion entschieden?

HF: Es wurde ziemlich schnell einmal klar, dass wir von einer Fusion redeten, weil das Problem ja beim Vereinsleben lag, das wir nicht mehr unabhängig aufrechterhalten konnten. Wir litten nicht etwa unter Engpässen, was die Trainingsstätten anging, sondern wir brauchten wieder genügend Leute, welche die Ämter ausübten. Das erreichten wir nur, indem wir unsere Basisstrukturen zusammenlegten, sprich die alten Vereine auflösten und Biel/Bienne Athletics gründeten.

PL: Von Seiten des LSV wurde die Fusion mit dem LAC zudem dadurch begünstigt, dass wir als reiner Laufverein für die Jungen nicht mehr attraktiv waren.

Es gäbe ja auch die Möglichkeit, dass ein Verein den anderen einverleibt.

PL: (lacht) Dies stand bei uns nicht zur Diskussion, denn wir waren ja sportliche Rivalen im Seeland. Da hätte keiner derjenige sein wollen, der vom anderen geschluckt wird. Es war also der einzige Weg, gemeinsam etwas Neues zu beginnen.

Vereine sind in der Regel lokal stark verankert. Gab es langjährige Mitglieder des LSV Biel, die sich nicht mit dem neuen Verein identifizieren konnten und austraten?

Patrick Lüscher und Hansjörg Fahrni

PL: Natürlich gab es kritische Stimmen und auch einige wenige Austritte, das kann man nicht verhindern. Aber wir kommunizierten stets transparent und banden auch gerade jene Personen eng in den Erarbeitungsprozess ein, die der Fusion kritisch gegenüberstanden. Dadurch konnten wir interne Widerstände überwinden und die Mitglieder vom Vorhaben überzeugen – und zudem noch ihre wertvollen Inputs abholen.

Wie ging der Fusionsprozess vonstatten?

HF: Wir bildeten im Frühling 2011 verschiedene Arbeitsgruppen. In diesen erarbeiteten wir die Organisationsstruktur, die Statuten, den neuen Namen etc. Zu den unterschiedlichen Themen haben wir uns primär übers Internet informiert, zum Beispiel auf sportclic.ch. Nachdem an einer ausserordentlichen Generalversammlung die Resultate aus den Arbeitsgruppen genehmigt worden waren und der neue Vorstand bekannt war, gründeten wir Anfang 2012 den neuen Verein.

PL: Die rechtlichen Angelegenheiten regelte ein befreundeter Notar für ein Trinkgeld. Die Fusion kostete uns nur rund 3000 Franken. Das ist ja auch das Schöne am Vereinsleben, dass persönliche Beziehungen spielen und viel Know-how aus unterschiedlichen Bereichen zusammenkommt, auf das man zurückgreifen kann.

Gestaltete sich die Zusammenarbeit aufgrund zweier verschiedener Vereinskulturen schwierig?

PL: Wir pflegten von Beginn weg eine unkomplizierte, pragmatische Zusammenarbeit. Aus diesem Grund waren Hansjörg Fahrni und ich dann auch bereit, uns im neuen Verein die Präsidentschaft zu teilen. Ich mag die Art, wie man im Verein arbeiten und Verantwortung übernehmen kann: Jemand bringt einen Vorschlag ein, dieser wird besprochen, man stimmt ab und kann dann umgehend mit der Umsetzung beginnen. Das ist sehr dynamisch. Die Arbeitswelt ist oftmals träger.

Was ist jetzt die grösste Herausforderung im neuen Verein?

HF: Wir müssen jetzt alles gut aufgleisen und etablieren, damit wir die Mitglieder längerfristig an den neuen Verein binden können. Dabei geht es insbesondere auch darum, den Verein breiter abzustützen, das heisst, mehr Leute zu finden, die bereit sind, ein Ehrenamt auszuüben.

PL: Wir können dank der Fusion nun zwar den Vereinsbetrieb aufrechterhalten, aber es ist nicht so, dass wir jetzt doppelt so viele Leute im Vorstand haben. Einige nutzten die Gelegenheit auch, um ihr Amt abzugeben. Das Freiwilligen-Engagement bleibt also auch für Biel/Bienne Athletics eine Herausforderung.

Ist Biel/Bienne Athletics nun ein stärkerer Treiber für die Leichtathletik im Seeland?

HF: Es ist noch etwas früh, um dies richtig beurteilen zu können, schliesslich haben wir eben erst unsere Trainingsbetriebe zusammengelegt. Aber dank der gestiegenen Mitgliederzahl haben wir jetzt eine höhere Leistungsdichte. Vielleicht können wir diesen Herbst an den Schweizermeisterschaften in Davos erstmals eine 3x1000-Meter-Frauenstaffel stellen.

PL: Eine Fusion ist in jedem Fall eine Chance, um Dinge neu aufzugleisen. Man kann Massnahmen unvoreingenommen hinterfragen und sie auf ihre Wirksamkeit überprüfen: Braucht es zum Beispiel noch eine gedruckte Vereinszeitschrift oder kann man dasselbe auch über einen Online-Newsletter kommunizieren und damit Kosten sparen? Die Fusion brachte uns eine erfrischende Dynamik. Nun hoffen wir, dass wir diese nutzen können, um unsere Mittel gezielt einzusetzen und unsere Sportart voranzutreiben.

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