Interview mit Jörg Schild: «Volunteers sind das Fundament des Schweizer Sports»

Die Plattform Swiss Olympic Volunteer bringt Sportveranstalter und Ehrenamtliche auf der Suche nach dem nächsten Einsatz zusammen. Jörg Schild, Präsident Swiss Olympic und Patronatsmitglied von Swiss Olympic Volunteer, erklärt im Gespräch, wie das Programm dem Ehrenamt zu mehr Anerkennung verhilft.

 
Jörg Schild, wann haben Sie zuletzt ehrenamtlich gearbeitet?
Dieses Jahr als Präsident eines Patronatskomitees für den Neubau der ehemaligen Basler Webstube, in mehreren Stiftungsräten sowie tagtäglich als Präsident der Sporthilfe.

Seit dem 1. Januar 2010 gibt es «Swiss Olympic Volunteer», eine Plattform, auf der sich Freiwillige wie auch Veranstalter und Vereine anmelden können. Weshalb braucht es eine solche Plattform?
Es gibt viele Leute, die sich für einen Sportevent freiwillig engagieren möchten und nicht wissen, wo sie sich melden können. Wir erhalten immer wieder solche Anfragen. Durch die Organisation des Gigathlon haben wir bei der Koordination von Freiwilligen viel Erfahrung gesammelt. Diese Erfahrung konnten wir an der UEFA EURO 2008 mit 3’500 Volunteers und an der Eishockey-WM 2009 mit 1’300 Volunteers einsetzen. Nun haben wir unsere dafür entwickelte Software auch für die Bedürfnisse von Vereinen angepasst. Dadurch können wir diesen jetzt beispielsweise eine einfache Mitgliederverwaltung und vereinfachte Trainings- und Wettkampfaufgebote bieten. Wir glauben, dass wir die Freiwilligenarbeit stärken können, indem wir Veranstalter, Vereine und Ehrenamtliche besser miteinander vernetzen. Zudem bin ich persönlich überzeugt, dass das Ehrenamt mehr Anerkennung verdient, nicht nur im Sport, auch im sozialen und kulturellen Bereich!

Wird Freiwilligenarbeit in der Schweiz zu wenig geschätzt?
Geschätzt wird die Freiwilligenarbeit durchaus, doch die öffentliche Anerkennung ist noch zu gering. Das Ausmass der ehrenamtlichen Arbeit für den Schweizer Sport wird von vielen unterschätzt. Wir sprechen von 630’000 Ehrenamtlichen, die jedes Jahr über 75 Millionen Arbeitsstunden leisten! Volunteers sind ganz klar das Fundament des Schweizer Sports, ohne sie geht nichts. Würde man ihre Arbeit mit 40 Franken pro Stunde entschädigen, käme man auf einen Betrag von über drei Milliarden Franken pro Jahr!

Wie sieht diese Anerkennung für Ehrenamtliche aus?
Volunteers können sich bei uns anmelden und für ihre Tätigkeit im Verein oder an Events Punkte sammeln, ähnlich wie bei den Punkteprogrammen der Grossverteiler oder bei Fluggesellschaften. Diese Volunteer Points können dann eingelöst werden, zum Beispiel gegen ein Bikedress oder ein Ticket für das Humorfestival in Arosa. Durch Swiss Olympic Volunteer erhalten die Freiwilligen zudem eine Plattform, um sich auch auszutauschen. Das erscheint mir ebenfalls sehr wichtig.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Menschen künftig nur noch ehrenamtlich engagieren, wenn sie dafür Volunteer Points erhalten?
Das glaube ich nicht. Menschen, die den Sport und ihr soziales Umfeld lieben, werden sich nach wie vor primär deshalb engagieren. Möglicherweise gibt es künftig ein paar «Event-Hoppers», die vor allem Volunteer Points sammeln wollen. Das ist auch in Ordnung, denn sie erbringen eine Leistung, und lernen zudem neue Leute kennen. Die soziale Komponente bei Swiss Olympic Volunteer ist uns sehr wichtig. Ebenso wichtig ist aber zu wissen, dass wir keine anderen Freiwilligen-Programme konkurrenzieren, sondern diese ergänzen. Wir bieten lediglich eine Plattform, auf der sich Volunteers, Veranstalter und Vereine suchen und finden können.

Man hört in der Schweiz immer wieder, es herrsche ein Vereinssterben. Ist Swiss Olympic Volunteer eine Notmassnahme gegen dieses Vereinssterben?
Ich glaube nicht, dass es ein solches Vereinssterben gibt. Grundsätzlich wollen sich die Menschen in der Schweiz nach wie vor ehrenamtlich engagieren. Es ist allerdings schon so, dass sich viele nicht mehr fest an einen Verein binden wollen, sondern lieber bei einem Event mit einem kurzfristigen Engagement ohne weitere Verpflichtungen mitwirken. Ich bin aber überzeugt, dass Leute, die aus solchen Einsätzen positive Erinnerungen mitnehmen und dafür auch gewürdigt werden, motiviert sind, sich erneut und vielleicht auch längerfristig zu engagieren.

Wer ist der typische Volunteer?
Einen typischen Volunteer gibt es nicht. Personen aus unterschiedlichen sozialen Schichten treffen sich im Sport und arbeiten zusammen. An der Eishockey-WM 2009 war der Mediensprecher einer grossen Schweizer Firma genauso im Einsatz wie der Pensionierte oder der Sozialhilfeempfänger. Das macht es spannend. Die Leistung, die sie erbringen, soll honoriert werden. Wir möchten deshalb erreichen, dass regionale Sportlerpreise künftig auch an freiwillige Helfer vergeben werden können. In Thun zum Beispiel werden nächstes Jahr neben dem Thuner Sportler auch die Volunteers des Jahres mit einem Preis geehrt – jene Personen, die den grössten freiwilligen Einsatz geleistet und am meisten Volunteer Points gesammelt haben.

Grosse Anlässe wie die Gymnaestrada 2011 in Lausanne, die Eiskunstlauf-Europameisterschaften 2011 in Bern oder das Lauberhornrennen nutzen Swiss Olympic Volunteer. Das Angebot scheint in der Sportwelt grossen Anklang zu finden.
Es stimmt, das Feedback ist sehr positiv und die Nachfrage gross. Neben immer mehr Veranstaltern entdecken jetzt auch die Vereine die Vorteile von Swiss Olympic Volunteer. So wächst die Gemeinschaft stetig: Bereits haben rund 15'000 Personen ein Profil im Volunteer Pool, und bis Ende 2012 sollen es 40'000 Volunteers sein.


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