Leidenschaft – die Triebfeder der Freiwilligenarbeit

Leidenschaft – so lautet der Schlüssel zur Motivation aller Freiwilligen, sich im Sport zu engagieren. Nach Meinung von Beatrice Lundmark, mehrmalige Schweizermeisterin im Hochsprung und Kommunikations- und Event-Managerin, ist dies das Geheimnis, um mehr Menschen, insbesondere Frauen, als Freiwillige für den Sport zu gewinnen.

Foto: Spielmann

Ein Hauptgrund, warum sich Menschen bei Sportveranstaltungen und in Sportvereinen engagieren, ist die Leidenschaft für den Sport und vor allem für die betreffende Sportart. Beatrice Lundmark, der neunmaligen Hochsprung-Schweizermeisterin, zufolge ist dies die unabdingliche Voraussetzung, Freiwillige für ihren Einsatz im Sport zu motivieren. Dies gilt insbesondere für Frauen, deren Anteil bei der Freiwilligenarbeit 50 Prozent unter demjenigen der Männer liegt (5 Prozent gegenüber 11,4 Prozent*) – dies ergab eine Studie, die das Bundesamt für Sport in Magglingen (BASPO) 2008 durchführte. Als Schweizer Hochsprung-Meisterin und Sportevent-, Kommunikations- und PR-Verantwortliche des Sportdepartements der Stadt Lugano findet Beatrice Lundmark dieses Ergebnis nicht überraschend. Und sie weiss um die Bedeutung der Freiwilligenarbeit und ihrer zentralen Rolle für den Sport.

Beatrice Lundmark, welche Erfahrung haben Sie als Freiwillige gemacht?

Leider bin ich zu sehr mit der Leichtathletik beschäftigt, sodass ich wenig Zeit habe, mich ehrenamtlich zu engagieren. Ich habe dieses Jahr zweimal rhythmische Gymnastik mit Kindern trainiert, aber das ist alles. Ich denke, wenn meine Karriere als Sportlerin mal vorbei ist, werde ich mich stärker als Freiwillige engagieren. Für mich wird das auch eine Möglichkeit sein, weiterhin im sportlichen Umfeld zu bleiben.

Der Anteil der Frauen, die sich freiwillig in Sportvereinen engagieren, liegt um die Hälfte unter demjenigen der Männer. Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich glaube, dass Frauen in der Regel weniger Freizeit haben als Männer. Heutzutage muss eine Frau viele verschiedene Verpflichtungen miteinander vereinbaren, zum Beispiel Familie und Arbeit. Dass diese Differenz so gross ist, hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass Männer die Disziplinen ausüben, die beim Publikum am beliebtesten sind. Man braucht sich nur anzusehen, wie viele Menschen die Fussball-Weltmeisterschaft der Frauen verfolgen und sich dafür begeistern, und wie viele letzten Sommer die Herren-Weltmeisterschaft in Südafrika verfolgt haben.

Haben Sie eine Erklärung für dieses Phänomen?

Ich glaube, dass das ehrenamtliche Engagement der Männer im Sport auch auf die grosse Präsenz des Männersports in den Medien zurückzuführen ist. Da dem Männersport eine grössere Aufmerksamkeit zukommt, ist auch die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sich mehr Männer in Vereinen und bei Sportveranstaltungen engagieren. Glücklicherweise ist diese Diskrepanz nicht in allen Sportarten so ausgeprägt (zum Beispiel in der Leichtathletik).

Haben Sie diese Diskrepanz bei der Gewinnung von Freiwilligen für Veranstaltungen in Lugano festgestellt?

Ich kann nicht sagen, dass ich bislang einen so grossen Unterschied festgestellt habe. Ich werde in Zukunft genauer darauf achten.

Wie kann man Frauen dazu motivieren, sich aktiver als Freiwillige im Sport zu engagieren?

Meiner Meinung nach ist der Schlüssel zur Freiwilligenarbeit die Leidenschaft. Auch eigene sportliche Erfahrungen sind wichtig. Denn wenn jemand als Jugendlicher sportlich aktiv war, ist auch die Wahrscheinlichkeit grösser, dass er an ehrenamtlichen Aktivitäten in einem Verein oder bei Sportveranstaltungen mitwirkt. Wenn die sportliche Karriere beendet ist, kann man über die Freiwilligenarbeit weiterhin seiner Leidenschaft frönen. Um Frauen oder allgemein mehr Menschen zu motivieren, muss man ihnen die Möglichkeit geben, den Sport für sich zu entdecken, und sie dazu ermuntern, sich schon von klein auf sportlich zu betätigen, indem man ihnen unterschiedliche Sportarten anbietet. Auf diese Weise erhöhen sich auch die Chancen, dass die seit Kindesbeinen entwickelte Leidenschaft dazu motiviert, sich in Zukunft freiwillig zu engagieren. Je mehr sich Kinder und Jugendliche für den Sport begeistern, desto grösser ist voraussichtlich ihr freiwilliges Engagement als Erwachsene.

Welche Massnahmen würden Sie konkret ergreifen?

Um Frauen (zum Beispiel die Mütter, die ich im Stadion sehe, wo sie von den Tribünen aus ihren Kindern beim Training zusehen) zu motivieren, könnte man ihnen die Möglichkeit geben, parallele Aktivitäten anzubieten, bei denen sie einen Einblick in die Leichtathletik bekommen können. Häufig sind diese Mütter ja bereits «verdeckte Freiwillige» – sie bringen ihre Kinder zum Training, holen sie wieder ab, waschen ihre Sportsachen und unterstützen sie bei Wettbewerben. Wenn man versuchen würde, ihnen den Sport aktiver näherzubringen, hätten sie die Möglichkeit, ihn besser kennenzulernen und sich vielleicht anschliessend vermehrt dafür zu begeistern. Diese Leidenschaft könnte sie animieren, in einem Verein oder bei Sportveranstaltungen ehrenamtlich aktiv zu werden.

Wir haben im Sportdepartement auch ein Projekt mit dem Titel «Carta del volontario sportivo luganese» entwickelt: Freiwillige erhalten für jedes ehrenamtliche Engagement bei Veranstaltungen, die in Lugano stattfinden, Punkte. Ende Jahr bekommen sie je nach Anzahl der gesammelten Punkte einen Preis. Darüber hinaus arbeiten wir mit «Swiss Olympic Volunteer», der Plattform für die Schweizer Freiwilligenarbeit.

Was repräsentieren die Volunteers für Sie als Spitzensportlerin, aber auch als Event-Managerin im Sportdepartement der Stadt Lugano?

Als Sportlerin konzentrierst du dich sehr auf dein Ergebnis und nimmst leider nicht bewusst wahr, was um dich herum passiert. Vor allem erkennst du die tatsächliche Bedeutung der Freiwilligen nicht, all die Helfer, die es dir ermöglichen, an Wettbewerben teilzunehmen. Als ich anfing, Veranstaltungen zu organisieren, wurde ich mir der Tatsache bewusst, dass es heutzutage ohne sie ganz einfach keine Sportveranstaltungen geben würde.

* In Prozenten der Wohnbevölkerung in der Schweiz laut Studie «Die Freiwilligenarbeit in der Schweiz», BASPO 2008.

Beatrice Lundmark

Geburtsdatum:  26. April 1980
Grösse/Gewicht:  1,84 m/63 kg
Verein:  GA Bellinzona
Trainer:  Benjamin Poserina (vorher: Monica Pellegrinelli, Antonio D’Incecco)
Beruf:  Event-Managerin, Kommunikations- und PR-Verantwortliche des Sportdepartements der Stadt Lugano
Persönliche Bestleistung:  1,92 m
Erfolge:  21. Platz bei der Hallen-Europameisterschaft in Paris im letzten März, 2010 Finalistin bei den Europameisterschaften in Barcelona (10. Platz), Silbermedaillengewinnerin Jeux de la Francophonie 2009 in Beirut (Libanon), Bronzemedaillengewinnerin 2005 in Niamey (Niger), 11. bei der Universiade 2005 in Izmir (Türkei) und 2007 in Bangkok, neun Mal Schweizermeisterin (Halle und im Freien) zwischen 2006–2011.


sendafriendprint