Mein Lohn als Volunteer? Ein gratis Intensiv-Schwedisch-Auffrisch-Kurs.

Schweden und ich: das war Liebe auf den ersten Blick. 17 Jahre jung, zog mich das Land der Elche nach einer dreiwöchigen Reise in seinen Bann. Besonders die fröhliche Melodie der schwedischen Sprache liess mich nicht mehr los. So beschloss ich, schwedische Bücher zu wälzen und gemeinsam mit meinem virtuellen Lehrer Lars Vokabeln zu büffeln. Der Tenor aus meinem Umfeld auf meinen plötzlichen Lerneifer war ein kollektives Kopfschütteln: «Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch, alles vernünftige Sprachen. Aber für was in aller Welt lernst du Schwedisch?»


Foto: IFF_Floorball

Zehn Jahre später danke ich schmunzelnd meinem Dickkopf von damals. Es ist der  9. Dezember 2012, 18.30 Uhr, im Hallenstadion Zürich. Schauplatz: Garderobe Nr. 2. Dort herrscht ein lautes, nasses und übermütiges Durcheinander. «WM-Guld, WM-Guld, WM-Guld...», singen 20 Schweden im verschwitzten blau-gelben Trikot inbrünstig vor sich hin. Selbst Chef-Coach Jan-Erik, der sonst eine Mischung aus Coolness und Strenge ausstrahlt, steht selig grinsend im Türrahmen. Immer wieder fallen sich alle jubelnd in die Arme. Schweiss vermischt sich mit Champagner und Freudentränen. «Super, tipptopp, uh huarra guat», umarmt mich Goalie Patrik mit den paar Brocken Bündnerdeutsch, die ich ihm beigebracht habe.

Es ist Unihockey-WM, eine Stunde ist seit dem Final vor 12'000 Zuschauern verstrichen. Die Schweden haben gewonnen, ein souveränes 11:5 gegen den grossen Rivalen Finnland. Die frischgebackenen Weltmeister feiern ihr erstes WM-Gold nach sechs Jahren in Garderobe Nr. 2. Und was mache ich als einzige Schweizerin, jedoch ebenfalls im blau-gelben Schweden-Shirt, mittendrin in diesem Durcheinander? Gute Frage!

«Team-Betreuerin», steht auf der Akkreditierung, die ich seit zehn Tagen um meinen Hals trage. Ich helfe als einer von 800 Volunteers hinter den Kulissen der Unihockey Herren Weltmeisterschaft, welche vom 2. bis 9. Dezember 2012 in Bern und Zürich über die Bühne geht. Ob Singapur, Slowakei, USA oder Schweden - jede der 16 teilnehmenden Nationalmannschaften hat einen persönlichen Teambetreuer aus der Schweiz zur Seite gestellt. Meinen Schwedisch-Kenntnissen sei dank, darf ich mein Lieblingsland betreuen. Ich bin die organisatorische Rundum-Betreuerin fürs schwedische Team, das Bindeglied der Nati zum OK, ihr «Mädchen für alles».

Es ist extrem spannend, so hautnah eine Mannschaft an der WM zu begleiten, die Fokussierung, die Spannung, die Dynamik im Hinblick auf Tag X mitzuerleben. Langweilig wird mir nie. Mal klappere ich in Bern acht Apotheken ab, um auf die Schnelle eine grössere Anzahl Eisbeutel zu besorgen. Dann wieder räume ich im Wankdorf-Coop das Regal mit der Erdbeer-Energy-Milch leer. Oder ich helfe Materialchef Jörgen, die schwedische Fahne und alle 20 Wimpel in der Garderobe aufzuhängen. Zähle in der Pause mit Blick auf die Stoppuhr die Sekunden, damit die Spieler den Anpfiff nicht verpassen. Organisiere zwischendurch ein Auto, das den verletzten Alexander zum Röntgen fährt. Spurte zum Spielsekretariat, um den Match-Report und das Line-Up rechtzeitig abzugeben. Und versuche im Wirrwarr der «Mixed Zone», alle Wünsche der vorwiegend schwedischen Journalisten zu erfüllen. Ich bin der Wegweiser, wenn die Spieler etwas orientierungslos durch die Katakomben des Hallenstadions spazieren. Werde an der Rezeption des Teamhotels zum Stammgast. Und versuche, für gute Laune zu sorgen, während sich unser Car mit gefühlten fünf Stundenkilometern durch Stau und Schneegestöber kämpft. Ich bin da und helfe dem Team, wenn was los ist – und irgendwas ist immer los.


Foto: IFF_Floorball

Das Hin und Her macht mir Spass. Vor allem auch, weil ich spüre, dass meine Hilfe wirklich gebraucht und geschätzt wird. «Du är helt ovärdelig för mig och laget» (Du bist einfach unbezahlbar wichtig für mich und unser Team), schreibt mir Teamchef Klas eines Abends – eines von unzähligen Dankeschöns. Die Schweden nehmen mich mit offenen Armen in ihr Team auf. Und auch sie wachsen mir in diesen zehn Tagen schnell ans Herz, sodass ich an diesem Sonntagabend in der Gardobe schon fast wehmütig daran denke, dass ich in weniger als 24 Stunden am Flughafen «Hej då» (auf Wiedersehen) sagen muss. Dass ich eigentlich «nur» ein Volunteer aus der Schweiz bin, ist Betreuern und Spielern ziemlich egal. Ich gehöre zum schwedischen WM-Team – genauso wie die Physiotherapeutin oder der Materialwart. «Madlaina war das letzte Puzzlestein, das uns gefehlt hat, die letzte grosse Unbekannte», blickt Captain Johan – mittlerweile dem Durcheinander der Garderobe entflohen, frisch geduscht und im Anzug – in seiner Rede während unserem Weltmeister-Nachtessen auf die gemeinsame Zeit zurück. «Als wir sie kennenlernten, wussten wir vom ersten Augenblick an, dass nun alles passte. Dass wir jetzt Gold holen würden.»

Mein Lohn als Volunteer? Unvergessliche Momente wie Johans Weltmeisterrede, von denen ich vielleicht sogar noch meinen Enkeln erzählen werde. Ein gratis Intensiv-Schwedisch-Auffrisch-Kurs. Und das Wissen, dass auch ich ein klitzekleines bisschen zu WM-Gold beigetragen habe. Ich überlege mir nun, mir den Titel «eidgenössisch diplomierte Weltmeisterin» auf die Visitenkarte drucken zu lassen. Eine zweite Gelegenheit dazu wird sich bei meinem sportlichen Talent wohl nie mehr bieten.

Als Volunteer hautnah dabei: Madlaina Schaad war an der Herren-Unihockey-Weltmeisterschaft 2012 in Bern und Zürich Team-Assistentin der schwedischen Nationalmannschaft.


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