Tee und Bettflaschen für die Olympiasieger – als Volunteer in London

Vor 22 Jahren nahm meine Volleyballkarriere in Richtung Nationalliga B durch einen schweren Motorradunfall ein jähes Ende. Ich war 20. Der Versuch, im Behindertensport Fuss zu fassen, scheiterte: 1994, in der Saison der Olympischen Spiele in Lillehammer, musste ich den Skisport verletzungsbedingt aufgeben. Abgesehen davon bin ich keine Einzelsportlerin.

Trotz meines gelähmten rechten Armes bin ich dem Volleyball treu geblieben und spiele heute noch. Und es war auch meine Treue zum Sport, die mich im Jahr 2000 ans erste internationale Beachvolleyballturnier nach Gstaad führte. So begann meine Karriere als Volunteer an Grossanlässen. Seither habe ich an verschiedenen Events teilgenommen. Die Funktionen unterscheiden sich von Anlass zu Anlass. An der Beach-World-Tour in Gstaad arbeite ich jeweils als «Court Manager», am Sporthilfe Super10Kampf als Platzanweiserin. Ich war an den «cool and clean»-Games und an der Tauzieh-WM in Appenzell.


Foto: zVg

«London 2012» statt «Beijing 2008»
Ich habe Spass an allen Aufgaben und kann immer dazulernen. Ausserdem habe ich seit meinem Unfall auch viele längere Reisen rund um den Globus unternommen. Ich lernte Sprachen, begeisterte mich für verschiedene Kulturen und bin dadurch weltoffener geworden.

So begann ich mich allmählich dafür zu interessieren, auch einmal ausserhalb der Schweiz als Freiwillige im Einsatz zu stehen. Nachdem ich für Peking eine Absage erhalten hatte, war ich umso motivierter, an Olympischen Spielen dabei zu sein. Dies war der Anfang meines Abenteuers «London 2012».

Viel Einsatz – freiwillig
Der Anmeldeprozess begann bereits drei Jahre vor den Spielen. Die Anmeldung ist sehr ausführlich, ausführlicher als bei anderen Events. Ein Telefoninterview gehörte ebenso dazu wie die Teilnahme an einem Testanlass und an Trainings.

Meine offizielle Funktion in London hiess dann «Field of Play Attendant BV», was so viel wie Platzaufseherin Beachvolleyball bedeutet. Später wurde ich gar Team-Leader vom «Warm-up Court 1». Ich kümmerte mich zusammen mit meinem Team um die Netzeinstellungen, wir massen die Linien aus und prüften den Balldruck, holten Bälle und spielten sie zu, rechten den Sand, räumten die Spielerecke auf und so weiter. Oder einfach ausgedrückt: wir versuchten, den Teams und deren Entourage das Aufwärmen so komfortabel wie möglich zu gestalten, damit sie sich zu 100 Prozent aufs bevorstehende Spiel konzentrieren konnten.

Die Volunteers sind meines Erachtens der wichtigste Teil eines Sportevents: Sie bringen die Leidenschaft mit, um einen Anlass zum Erfolg zu führen. Sie bilden die Bühne, auf der die Sportlerinnen und Sportler auftreten und das Publikum begeistern. Sie schaffen das Umfeld für den Nachwuchs. Und nicht zuletzt sind es auch die Freiwilligen, welche die Zuschauerinnen und Zuschauer willkommen heissen. Es ist natürlich toll, als Volunteer ein Teil des Anlasses zu sein und Euphorie und Erfolg zu geniessen. Aber das ist nicht der Hauptgrund für meine freiwilligen Einsätze. Ich liebe den Kontakt zu verschiedenen Leuten und die Arbeit mit ihnen. So entstehen immer wieder neue Freundschaften mit wunderbaren Menschen.


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Schmelztiegel Olympische Spiele
Obwohl die meisten Volunteers aus England stammten, kamen in London viele Nationen zusammen. Ich lernte Menschen aus aller Welt kennen. Besonders spannend fand ich, wie verschieden die Ansichten und Arbeitsvorgänge waren. Während wir Schweizer offensichtlich ähnlich wie die Italiener oder die Polen arbeiteten, schien es zum Beispiel zwischen Kenianern und Nepalesen Ähnlichkeiten darin zu geben, wie gearbeitet wurde. Das war interessant.

Auch die Art und Weise, wie kommuniziert wurde, unterschied sich stark. Bei den Briten etwa ist Höflichkeit gefragt, bei den Tschechen eher Direktheit. So war der Warm-up-Court nicht nur der Aufwärmplatz für die Teams, sondern vor allem auch ein wertvoller Lehrplatz für mich.

Premierminister, Soldaten und Fans aus der Heimat I
Ich wurde schon oft gefragt, was mein schönstes oder interessantestes Erlebnis an den Sommerspielen war. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil alles, was ich erlebt habe, zu einer Geschichte gehört. Ich bin nicht der Mensch, der Teilgeschichten wertet.

So hat für mich die brasilianische Bronzemedaillen-Gewinnerin Juliana Da Silva, die mich mit «Hello my friend, how are you?» begrüsste, genauso viel Bedeutung wie der Besuch von Premierminister David Cameron, der mit seinen Kindern kam. Die tröstende Umarmung der viertklassierten Chinesin Chen Xue ist mir gleich viel wert wie das Einlaufen ins vollbesetzte Stadion, einmal mit Tee und Bettflaschen für die Olympiasieger und einmal mit Nadine Zumkehrs Rucksack.

Die Gespräche mit den Soldaten, die im Irak und in Afghanistan Dienst geleistet hatten und an den Olympischen Spielen für die Sicherheit sorgten, waren genauso interessant wie der Kontakt zu den Schweizer Teams und den Zuschauern aus der Heimat. Die unzähligen Diskussionen und lustigen Momente mit anderen Volunteers waren gleichermassen bereichernd wie der Smalltalk mit den Schiedsrichtern.

Es gab viele solche Momente, die ich nicht vergessen werde. Mein Herz ist gefüllt mit Emotionen, Bildern, Worten und Erinnerungen an eine Zeit, die zwar teuer war, die ich aber niemals missen möchte. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London war gewiss der Höhepunkt meiner Volunteerkarriere – obwohl die Freiwilligenarbeit für das Gelingen von jedem Anlass, egal ob auf olympischem Niveau oder auf Dorfebene, gleich wichtig ist. Ein Teil von «London 2012» gewesen zu sein, ist wie der Lohn und die Wertschätzung für meine unzähligen Einsätze als Volunteer.

Jolanda Birrer


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