Über die Bedeutung eines Dankeschöns

Der 78-jährige René Rausch ist einer der ältesten Freiwilligen, der bei Swiss Olympic Volunteer angemeldet ist. Seit 46 Jahren engagiert er sich unermüdlich und ehrenamtlich für den Sport und für seine Region. Es ging ihm nie um das Geld, sondern vielmehr um ein einzelnes Wort mit fünf Buchstaben, das man viel zu selten hört.

Alles begann im Jahr 1966. «Du solltest dich bewegen», meinte seine Frau, und René Rausch nahm sich ihren Rat zu Herzen. Der gebürtige Basler war seit Kindesjahren fasziniert vom Eishockey, einem Sport, den er selbst nie bestritten hatte. «Meine Eltern hatten zu wenig Geld, um mir dieses Hobby zu ermöglichen. Und dann kam der Krieg», erinnert sich Rausch. Erst als 31-jähriger Mann war es ihm schliesslich vergönnt, dem Eishockey nicht länger nur als Zuschauer beizuwohnen. Er absolvierte eine Ausbildung, bestand Prüfungen und pfiff später als Schiedsrichter die Spiele der zweiten Liga. «Ich hatte keine Ambitionen, es als Schiedsrichter weit zu bringen. Aber in dieser Funktion konnte ich meinem Sinn nach Gerechtigkeit nachgehen.» Damals sei alles noch anders gewesen, meint Rausch. Damals seien Schiedsrichter noch Respektpersonen gewesen. Rausch war knapp 30 Jahre lang im Einsatz, bis er die obere Alterslimite erreicht hatte und zurücktrat. Oder zurücktreten musste. Sein Hobby brachte ihm anfänglich jeweils zehn Franken plus eine Spesenentschädigung, dafür war er an vielen Tagen an einem Spiel irgendwo in der Schweiz. «Aber es ging nie um das Geld», sagt Rausch bestimmt.

Kleiner Teil eines grossen Ganzen


Foto: Ironman 2011

In der Folge engagierte sich René Rausch vor allem im Umfeld des Schlittschuhclubs Rapperswil-Jona, der heute unter dem Namen «Rapperswil-Jona Lakers» bekannt ist. Rausch betreute eine Verpflegungsbaracke neben der Eisbahn, baute ein Fonduestübli auf. «Wir hatten ein gutes Fondue. Und guten Schnaps.» Er betreute auch Gäste im Restaurant in der Halle sowie den Presseraum. Später bewirtschaftete er Verpflegungsstände am Ironman in Rapperswil und Zürich. Auch ausserhalb des Vereins war Rausch engagiert: Er reinigte Strassen nach rauschenden Festen und pflegte Bedürftige, die von keinem anderen mehr Hilfe erfuhren. Zunächst sei es nur die Liebe zum Verein und zum Sport gewesen, die ihn angetrieben hätte. Mit der Zeit habe er gemerkt, wie sein Einsatz sein Umfeld zum Positiven verändern könne und welchen direkten Einfluss seine Arbeit auf Menschen in seiner Nähe habe. Und nicht zuletzt überkam ihn die Freude, an Grossveranstaltungen dabei zu sein, als kleiner Teil eines grossen Ganzen.

Zeichen der Zeit

Er habe schon immer gerne für und mit den Menschen gearbeitet, erinnert sich Rausch. Seit seiner frühzeitigen Pensionierung beansprucht die Freiwilligenarbeit die meisten seiner freien Tage. Wenn er nicht an einem Event ist, pflegt René Rausch seinen Garten, der sich über 200 Quadratmeter erstreckt. Zudem züchtet er Kaninchen.
Um seine freiwilligen Einsätze weiterhin leisten zu können, hat sich Rausch sogar mit einem ihm bislang unbekannten Phänomen angefreundet: dem Internet. «Heute läuft ja alles über digitale Datenbanken. Anmeldungen, administrative Angelegenheiten, man erhält Aufgebote per E-Mail. Also hatte ich eben einen entsprechenden Kurs besucht, damit ich weiterhin beim Ironman helfen konnte», berichtet der Rentner.
Als rastlos würde sich Rausch nicht bezeichnen, er unternehme einfach gerne etwas. Kuren in Budapest, Getränke ausschenken am Ironman, Himbeeren pflücken im heimischen Garten – all die Aktivitäten haben auch ihre Spuren hinterlassen. Rausch leidet an einer Knochenentzündung in der Hand, ein Anriss der Achillessehne lässt ihn leicht hinken. «Deshalb liegen Einsätze, die länger als zwölf Stunden dauern, nicht mehr drin.» Ein chirurgischer Eingriff würde ihm 20 Jahre Ruhe bringen, habe sein Arzt gemeint. Rausch hatte daraufhin laut losgelacht und abgelehnt.

Von Spontaneität zu Egoismus


Foto: zvg

«Mit 80 Jahren will ich in keinem Verein mehr sein», hatte sich Rausch gesagt. Nun, zwei Jahre vor seinem runden Geburtstag, will er in den zweiten Ruhestand treten, sich nur noch um seinen Garten und seine Kaninchen kümmern. «Meine Frau will endlich wieder mit mir verreisen», lacht er. Es sei sowieso Zeit, dass sein Platz als Volunteer für jüngere frei würde. Dennoch hat Rausch bei seinen Einsätzen immer wieder bemerkt, dass sich vor allem ältere Menschen ehrenamtlich engagieren.
«Vielleicht fehlt es den Jüngeren an Spontaneität. Sie machen zwar das, was man ihnen sagt, aber auch nicht mehr.» Während die Menschen früher eher im Verein und somit der Region verwurzelt waren, sei heute weniger Bereitschaft da, sich zeitlich oder räumlich zu binden. «Die Jungen ziehen weg, weil sie heiraten oder eine neue Anstellung finden. Da ist kein Platz für spontane Helfereinsätze.»
Es sei wohl ein tiefliegendes gesellschaftliches Problem, dass Vereine immer mehr Mühe haben, Freiwillige zu finden. «Man macht nichts, das einem selbst nichts bringt.» Rausch klingt dabei weder verbittert noch verärgert. Vielleicht sei es auch ein Luxus, dass er überhaupt als Volunteer mithelfen könne. «Zeit zu haben, das ist wohl der grösste Luxus heutzutage.»

Wenn Menschen Danke sagen…

Das Schönste an Einsätzen als Freiwilliger sei jedoch das Dankeschön der Athleten und Veranstalter. Der 78-jährige erinnert sich, als er bei den Orientierungslauf-Weltmeisterschaften in einem Café mithalf, in das auch Athleten einkehrten. «Simone Niggli-Luder hat sich persönlich bei mir für den tollen Service bedankt.» Es scheint nicht viel zu brauchen, um einen Volunteer glücklich zu machen: «Wenn die Menschen ‹Danke› sagen, sind das die schönen Momente.»
René Rausch ist der Meinung, dass seine Arbeit von der Öffentlichkeit ausreichend geschätzt und anerkannt werde. Eine Plattform wie diejenige von Swiss Olympic Volunteer, welche die Freiwilligenadministration erleichtert und koordiniert und sich dafür einsetzt, dass die freiwilligen Helferinnen und Helfer mehr öffentliche Wertschätzung erhalten, sei trotzdem unverzichtbar. «Wenn man sieht, was ein ‹Danke› alles auslösen kann, lohnt sich diese Plattform auf jeden Fall.»

Ein allerletztes Mal

Kurz vor seinem Ruhestand wird Rausch im Dezember noch einmal im Einsatz stehen, «ein allerletztes Mal», wie er beteuert. Leicht fallen wird ihm der Abschied von seinen Freiwilligenengagements nicht. «Sie werden mir schon fehlen, weisch.»


sendafriendprint