Locker gewonnen: Wo statt Konkurrenz Gemeinsamkeit zählte

An den aufregendsten ihrer Momente in Rio kann sich Simone Dietrich nicht mehr erinnern - wohl aber an den schönsten: "Dass ich bei Gold dabei war, als Nino Schurter als erster ins Ziel kam!" Ihrer Stimme hört man immer noch die Begeisterung an. ", "Da habe ich ganz deutlich gespürt, dass die Schweiz meine Herzensdelegation ist." Simone stand direkt am Cross-Country Ziel, als Volunteer durfte sie ganz dicht dran sein.


Foto: zvg

Drei Wochen lang hat Simone die Spiele begleitet, konnte aus der Nähe sehen, wie diese funktionierten, bemerkte das international verbindende der Volunteers, konnte beobachten, wie die Athleten Medaillen gewannen. Nur ihr erster Tag begann ganz unspektakulär, mit Akkreditierung und Uniform abholen im Athleten-Dorf. Fast so etwas wie ein Alltag: Die Spiele bedeuteten für sie lange Tage, oft erhielt sie ihren Einsatzplan für den nächsten Tag erst um Mitternacht. "Ich musste tatsächlich wochenlang Tag für Tag leben," sagt Simone grinsend.

Simone war nicht nur bei Sportanlässen dabei, sondern durfte auch die Delegation von Hong Kong begleiten, etwa wenn der Chef des Hongkonger Sportkomitees, der Präsident oder sein Vize zu Essen eingeladen waren. Simone war das Bindeglied zwischen den Brasilianern und der Delegation, was manchmal sehr humorige Momente lieferte, etwa wenn Simone in das klassische Fettnäpfchen trat und locker Pingpong statt des offiziellen "Tischtennis" sagte.

Es waren nicht nur die sportlichen Events, welche die Spiele für Simone so spannend machten: Auch die Begegnungen mit anderen Volunteers gehörten zu den herausragenden Momenten. "In der Hongkonger Delegation waren wir fünf Volunteers. Drei aus China, ein Brasilianer und ich. Und wir sassen trotzdem alle im gleichen Boot." Alle hatten das Gefühl, an einem Strang zu ziehen, meint Simone nachdenklich. „Obwohl wir ganz verschiedene Menschen mit verschiedenen Wünschen sind, mit unterschiedlichen Ansprüchen, Hintergründen, Voraussetzungen und Ideen. Das machte den Austausch so spannend, meint sie. „Wir merkten, wie anders wir ticken, dass wir anders denken oder handeln - dass wir Dinge anders angehen. Und trotzdem harmonierte die Zusammenarbeit." Zwischen den Volunteers funktionierte es, ein verbindender Moment, meint Simone. "

Mit der Delegation besuchte sie viele sportliche Events wie Schwimmen, Badminton, Tischtennis oder (Gewichtheben)Weightlifting. Als Volunteer-Mitglied konnte Simone zusätzlich in jedes beliebige Stadion hinein - sogar durch den Athleteneingang. "Ich konnte dorthin, wo die Wettkämpfer aufs Feld gehen!", sagt Simone begeistert.

Ganz en passant konnte sie sehen, was den Spielen auch so viel emotionale Bedeutung und Tragweite verleiht. Zum Beispiel die Flüchtlings-Delegation: Sportler, die nicht mehr in ihre Heimat zurück können, die nicht mehr unter der Flagge ihrer Heimat antreten dürfen. Für sie schuf das IOC eine eigene Flagge, eine eigene Delegation. "Diese Sportler waren immer wieder präsent," sagt Simone. "Ihre Flagge war auch aufgehängt und sie waren immer wieder in aller Munde." Weil sie ein Gedanke sind, der die Welt bewegt, meint Simone. "Ihr Kampf ist es, zu zeigen: 'Wir sind auch jemand und wir haben auch eine Stimme. Und wir haben denselben Wert, wie die anderen Sportler.'" 

Unter den Volunteers konnte sie die Erfahrungen teilen, sie konnten sich vorstellen, was einen bewegt, das verband." Was für ein Kontrast zur "richtigen" Welt, der Welt ausserhalb des Athleten-Dorfs, wo so vieles nicht funktioniert, meint Simone. "Aber im Village drin hat man gesehen, es geht. Das fand ich sehr berührend, dieses Völkerverbindende."


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